War sonst noch was?

Dr. Frauke Gehring, Allgemeinärztin aus Arnsberg
Dr. Frauke Gehring | Allgemeinärztin aus Arnsberg – schreibt:

 

Der alltägliche Kampf um die Impfung

Wie schön war es früher doch, als das Telefon klingelte, weil eine Patientin oder ein Patient einen Rezept- oder Termin­wunsch hatte, und als unsere Gesprä­che sich darum dreh­ten, wie wir sie gesund kriegen oder erhal­ten konnten. Jetzt ist die gute alte Zeit längst Ver­gan­gen­heit: „Sie sind über­haupt nicht mehr tele­fonisch erreich­bar!“, schnauzt eine Patientin unsere MFA an, als diese, das Tele­fon abhe­bend, doch eben diese Erreich­bar­keit demon­striert. „Ich möchte einen Impf­termin! Aber mit BioNTech, nicht mit diesem Astra­Zeneca-Zeug. Geht das nächste Woche? Ich will nämlich in den Som­mer­urlaub fahren!“

Es gibt die Glücklichen, die einen Termin bekommen, aber es gibt auch die Frechen und die Egomanen

Lange dauert es nicht mehr, so fürchte ich, bis eine MFA mal am Tele­fon explo­diert. Ich weiß, was sie ant­worten möchte: „Wenn nicht alle wegen Impf­ter­minen unser Tele­fon bela­gern würden, wären wir erreich­barer. Und hin und wie­der müssen wir das Tele­fon auch mal klin­geln las­sen, um uns um die Leute in der Praxis zu küm­mern! Sie wollen einen Impf­termin? Klar, unsere Liste der Prio­gruppe 3 umfasst viele hundert Leute, und wir kriegen ca. 60 Dosen die Woche.

„Nächste Woche könnten wir Ihnen höch­stens eine Teta­nus­spritze an­bieten. Ach, kein Astra­Zeneca, obwohl Sie 69 sind? Klar, wir neh­men den Impf­stoff gern einem jungen Leh­rer oder einer jungen Asth­mati­kerin weg, damit Sie schnel­ler in den Som­mer­urlaub kom­men! Es ist ja über­haupt nicht maß­geb­lich, dass sich die jungen Leute nun zu Ihrem Schutz seit über einem Jahr massiv ein­schrän­ken. Denn Soli­dari­tät ist spätes­tens dann eine Ein­bahn­straße, wenn Sie mal wieder etwas Mit­tel­meer­sonne auf dem alten Buckel spüren wollen. Sollen die Jungen doch warten!“

Für das Unangenehme sind ja die Hausarzttrottel da

Aber das sagt die MFA natürlich nicht. Sie sagt höflich, dass wir BioNTech für Patient­lnnen unter 60 reser­vieren (wer das nicht akzep­tiert, muss sich dann eben um einen Termin im Impf­zen­trum küm­mern). Dass unsere Warte­liste sehr lang ist und wir in der einen Woche keine Ahnung haben, wie viele wir in der näch­sten Woche impfen können. Und dass wir gerne erreich­barer wären, wir aber weder die Zahl unse­rer Telefon­lei­tungen noch die unserer Mit­ar­beite­rinnen spon­tan ver­mehren kön­nen. Ich bewun­dere sie in die­sem Mo­ment, denn sie leistet über­mensch­liches, wie das ge­samte Praxis­team. Gerne würde ich jedes Wochen­ende ein Grill­fest mit or­dent­lich Alko­hol orga­ni­sieren, damit wir uns den Frust und Ärger aus dem Orga­nis­mus spülen können. Aber nicht ein­mal das geht – was uns zu­min­dest einen Kater erspart.

Illustration zum Text

Wir strengen uns wirklich an und haben sogar meinen alten Praxis­part­ner aus dem Ruhe­stand zum Helfen geholt. Es gibt die Glück­lichen, die einen Impf­ter­min bekom­men und sich mit einer Schachtel Merci bedanken, was wirklich nicht nötig ist. Aber es gibt auch die Frechen, die For­dern­den und die Ego­manen, die das Klima rauer und die Wochen­tage immens an­stren­gend machen. Zu allem Über­fluss pustete Minister Spahn noch in die Welt, dass man Astra­Zeneca schon nach vier Wochen auf­frischen könne. Klar, wenn einem 55 % Schutz aus­rei­chen und man einen pünkt­lichen Som­mer­urlaub wich­tiger fidet? Schreckt der Minister eigent­lich vor gar nichts mehr zurück, um die Astra­Zeneca-Halde abzu­bauen und seine Impf­pläne durch­zu­ziehen? Nein, tut er nicht, denn diese unan­ge­neh­men Gespräche führen ja die Haus­arzt­trottel.

Ich stecke mir jedenfalls lieber noch ein paar Wochen Stäb­chen in die Nase, als dass ich meine Imp­fung zu früh boostere, und ich werde keinem jungen Men­schen eine BioN­Tech-Dosis weg­neh­men. Meine MFA aber haben den großen Gedulds­orden in Gold verdient – Schade nur, dass wir uns den bei gerade mal 20 € Hono­rar pro Imp­fung nicht leisten können.

Ihre
Dr. Frauke Gehring


Quelle: Medical Tribune 21/2021